Ein Troll namens Jan Fleischhauer

Jan Fleischhauer ist ein Troll. Ich kann keine andere Erklärung dafür finden, warum dieser Mann Woche für Woche seine Kolumne Der Schwarze Kanal mit verquasten Texten füllt, in denen er die Realität verkennt und verdreht und die mich beim Lesen regelmäßig an Verschwörungstheorien erinnern.

Ich lese seine Kolumne nicht regelmäßig, weil ich mich nicht jede Woche darüber aufregen möchte. Aber hin und wieder schaue ich doch hinein, und jedesmal frage ich mich fassungslos, wie so jemand bei Spiegel Online schreiben darf. Darüber hinaus nehme ich mir immer wieder vor, einen von Fleischhauers Texten zu zerlegen und seine Halbwahrheiten aufzuzeigen. Heute ist es soweit.

In seiner Kurzbiografie heißt es, dass Fleischhauer die Linke als die „kulturell dominierende Herrschaftsform“ betrachtet. Seinem Buchtitel zufolge sah er sich einmal als Linker, bis er irgendwann zum Konservativen wurde. In seiner Kolumne feiert er sich dann auch als Underdog, der tapfer gegen das linke Establishment ankämpft, als den Ausreißer aus dem Mainstream. Ich halte das für eine ziemlich steile These. Seit 1982 hatten wir sechzehn Jahre Kohl, dann sieben Jahre lang eine rot-grüne Regierung, über deren Linkssein man durchaus streiten kann (Hartz IV, Militäreinsatz im Kosovo, Schröder und Gazprom, …), und seit 2005 Merkel, deren Kanzlerschaft kein absehbares Ende hat. Der konservative Fleischhauer ist kein Underdog – er IST der Mainstream. Die linke Dominanz hat er sich als Popanz aufgebaut, um ihn Woche für Woche heldenhaft vom Sockel zu stoßen.

Diese Woche lautet die Überschrift seiner Kolumne Der Osten und die Toleranz: War die Wiedervereinigung ein Fehler?. Allein dieser Satz macht klar, wie diese offene Frage im Text beantwortet werden wird. Gut, das ist ein rhetorischer Kniff, dagegen ist nichts zu sagen. Bitter wird es erst im Text selbst, in dem Fleischhauer argumentiert, dass ein Drittel aller Ostdeutschen für Parteien stimme, die „ein Problem mit Andersartigkeit“ haben.

Ich bin gerne in den neuen Bundesländern, einige meiner besten Freunde kommen von dort.

Was für ein Klischee. „Einige meiner besten Freunde sind X“ ist die typische Denkfigur von Leuten, die den Verdacht ausräumen wollen, sie hätten Vorurteile gegen eine bestimmte Gruppe von Menschen, seien es Schwule, Ausländer oder eben Ostdeutsche. Doch der Satz ist verräterisch, vor allem, wenn er wie hier ohne konkreten Zusammenhang fällt. Dass Fleischhauer sich genötigt fühlt, ohne Aufforderung seine Vorurteilsfreiheit gegen Ostdeutsche zu versichern, ist ein Indiz dafür, dass er genau diese Vorurteile hegt.

Dabei hat Fleischhauer durchaus recht, wenn er schreibt, dass Fremdenfeindlichkeit im Osten Deutschlands stärker verwurzelt ist als im Westen. Das hat verschiedene Gründe: der Identitätsverlust vieler Ostdeutscher nach der Wiedervereinigung; wirtschaftliche Perspektivlosigkeit; mangelnde Erfahrung im Umgang mit anderen Kulturen zur Zeit der DDR; Verklärung der guten alten Zeit (Stichwort Ostalgie); Angst vor neuen Veränderungen usw. Das alles ist problematisch, keine Frage. Daraus jedoch zu schließen, dass die Wiedervereinigung ein Fehler war, ist zumindest gewagt. Daran ändert auch Fleischhauers Underdog-Verteidigung „Es tut mir leid, dass ich das so sagen muss“ nichts – ein Satz, nebenbei bemerkt, den man auch von einem Pegida-Redner erwarten würde.

Was ist von einem Landesteil zu halten, in dem jeder dritte Wähler Parteien gut findet, die ein Problem mit Unterschieden haben?

Wieder so eine offene Frage, diesmal im Passiv formuliert, um eine Abtrennung von persönlichen Meinungen und damit Objektivität vorzugaukeln. Fleischhauer lässt die Frage unbeantwortet, aber es ist kein Rätsel, wie er darüber denkt: Von Landesteilen wie dem deutschen Osten hält er nicht viel. Soviel zum Thema, dass einige seiner besten Freunde Ostdeutsche seien.

Um die 20 Prozent der Leute dort votieren für die Linkspartei, die eine Nivellierung sozialer Andersartigkeit verspricht. Weitere 16 Prozent sind den Umfragen zufolge für die AfD, die gegen zu viel Fremdheit im Straßenbild antritt. Die Linkspartei möchte uns glauben machen, dass zwischen der AfD und ihr Welten lägen, aber das muss man nicht weiter ernst nehmen.

Wow. Die Chuzpe muss man erst einmal haben, die programmatischen Ziele der Linken mit der Xenophobie einer Partei wie der AfD gleichzusetzen. Wer die Verringerung sozialer Unterschiede, also die Verkleinerung der Schere zwischen Arm und Reich, befürwortet, ist desselben Geistes Kind wie jemand, der nur hellhäutige Menschen auf der Straße sehen will?

Fleischhauer versteht nicht, was Sozialpolitik im Allgemeinen und die der Linkspartei im Speziellen ausmacht, oder er will es nicht verstehen. Offenbar hat er auch keinerlei Anstalten unternommen, diese Wissenslücke zu füllen. Anders als er habe ich mir daher fünfzehn Sekunden Zeit genommen und bei Duckduckgo nach „linkspartei parteiprogramm übersicht“ gesucht. Heraus kam ich – Überraschung – bei Wikipedia. Konkret möchte die Linke Löhne anheben, Altersarmut verhindern und das Renteneintrittsalter auf 60 Jahre absenken. Das kann man gut finden oder nicht, aber es hat nicht das Geringste mit den Deutschtümeleien eines Björn Höcke oder der Verquickung der Vorstände von AfD und Pegida zu tun.

Mir geht es um eine Stimmungslage, bei der Einverständnis darüber herrscht, dass es besser ist, wenn man unter sich bleibt.

Fleischhauer erklärt an keiner Stelle, wen genau die Linkspartei draußen halten möchte. Sind es die Reichen? Banker? Menschen, die sich politisch rechts einordnen? Selbst wenn dem so wäre, gäbe es immer noch einen gravierenden Unterschied zur Ablehnung von Nichtdeutschen, wie sie unter AfD-Wählern typisch ist: Der sozialen Andersartigkeit kann man entkommen, der kulturellen nicht. Armut lässt sich überwinden, politische Einstellungen ändern sich – doch die dunkle Hautfarbe oder den nichtdeutschen Namen wird man nicht los.

Es mag eine reißerische Überschrift abgeben, dass jeder dritte Ostdeutsche Parteien wählt, die Probleme mit Andersartigkeit haben. Mit der Realität hat es nichts zu tun, auch wenn der Autor seiner Leserschaft die Tatsachen als Verschleierungstaktik der Linken verkaufen möchte. In anderen Worten: Fleischhauer möchte uns glauben machen, dass die Linkspartei ihre geistige Nähe zur AfD verheimlicht, aber das muss man nicht weiter ernst nehmen.

Ich halte die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung auch für falsch. Aber ich käme nie auf die Idee, mir deshalb zu wünschen, dass Angela Merkel mit ihrer sonnigen Annahme, das Land werde seine Probleme schon bewältigen, Schiffbruch erleidet. Die Menschen, die jemand wie [der Pegida-nahe Politikprofessor Werner] Patzelt vertritt, sind nicht gegen die Flüchtlingspolitik, wie mir klar wurde: Sie sind gegen Flüchtlinge. Das ist etwas ganz anderes.

Hier hat Fleischhauer recht, und er formuliert den Gedanken klug und prägnant. Das ist ein Teil des Dilemmas, das ich mit ihm habe: Nicht selten spießt er sein Thema treffsicher auf. Er hat ein Gespür für die Themen, bei denen sich die Linke in die eigene Tasche lügt, und im Grunde wäre er genau der Richtige dafür, um eine unbequeme und dadurch besonders lesenswerte Kolumne zu schreiben. Doch während ich noch denke, hmm, ganz so schlimm ist er ja doch nicht, lese ich den nächsten Absatz und möchte am liebsten meinen Computer an die Wand werfen:

In Ostdeutschland gebe es eine andere politische Kultur, heißt es. Wenn man nach den Gründen fragt, wird man auf die lange Diktaturerfahrung verwiesen. Der entscheidende Unterschied für mich ist die Abwesenheit jedes christlichen Bewusstseins außerhalb des Kirchenmilieus. Man kann nicht einmal von Heidentum reden, die Heiden hatten ihre eigenen Götter. In weiten Teilen Ostdeutschlands hingegen ist sogar die Erinnerung erloschen, was mit dem Glauben verloren gegangen ist.

Im Ernst? Atheisten sind schuld an der Fremdenfeindlichkeit? Wenn man für bare Münze nimmt, was Fleischhauer hier fabuliert, dann wären wir selbst dann besser dran, wenn die Ostdeutschen statt an den Gott aus der Bibel wenigstens an irgendwelche andere Götter glauben würden. Dass die massive Zuwanderung von Muslimen dann konsequenterweise begrüßt werden müsste – geschenkt. Ebensowenig interessiert Fleischhauer sich für echte Zahlen darüber, wie die Glaubensverteilung unter AfD-Sympathisanten ausfällt und ob wirklich überwiegend Nichtgläubige darunter sind (was ich bezweifle). Da spielt es auch keine Rolle mehr, dass Länder mit niedriger Religiösität in vielen Statistiken besser abschneiden, von der Bildung über Kriminalitätsraten bis hin zu Teenagerschwangerschaften.

Was genau mit dem Glauben verloren gegangen ist, bleibt bis zum Schluss ungesagt. Es bleibt dem Leser überlassen, die Lücke zu füllen. Wer Fleischhauers Klientel angehört, also den christlichen Parteien nahesteht, wird dafür eher positive Ideen wählen. Mir sind beim Weiterlesen hingegen die Kreuzzüge und die Conquista eingefallen, und zwar immer dann, wenn Fleischhauer das Wort „Remissionierung“ verwendet.

Letzten Endes bleibt seine gesamte Aussage von der Fremdenfeindlichkeit als Folge des Nichtglaubens pure Behauptung. Belege: Fehlanzeige. Es geht hier einzig um die Weltanschauung des Autors, der anscheinend Ostdeutschland zum Christentum remissionieren und – Achtung, Ironie – religiöse Unterschiede nivellieren möchte.

Dennoch fordern wir aus gutem Grund die islamische Welt dazu auf, ihre Dämonen in den Blick zu nehmen. Wir sollten von uns selber nicht weniger verlangen.

Richtig. Dann sollten wir aber auch damit aufhören, Kolumnen zu schreiben und zu veröffentlichen, in denen Autoren mit extremer politischer Schlagseite mittels rhetorischer Tricks ihre politische Agenda verbreiten. Selbstverständlich gilt dies für Konservative ebenso wie für Linke. Bisher ist mir allerdings noch kein linksgerichteter Kommentator untergekommen, der so manipulativ und unlauter arbeitet wie der konservative Troll namens Jan Fleischhauer.

Die Troll-Theorie lässt im Übrigen die Frage offen, warum Spiegel Online diesem Mann eine Plattform für seine Halbwahrheiten bietet. Wer weiß, vielleicht wollte man ja einen Gegenpol zum stets sachlich und intelligent argumentierenden Sascha Lobo etablieren?

Bildquelle: Wilhelm-Kolz-Stiftung

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