Archiv für den Monat: Mai 2012

#CorpSq – die erste Woche

Die erste Woche meines Experiments, die Kurzgeschichte Corporate Square öffentlich per Twitter zu schreiben,  neigt sich dem Ende zu. Zeit für ein kleines Zwischenfazit.

Zunächst ein paar nackte Zahlen: Die bisherige Geschichte hat X Beiträge, darunter 2 Gastbeiträge (beide von dunkeltron – danke dafür). Sie besteht derzeit aus 24 Zeilen und umfasst 184 Wörter. Die aktuelle Textfassung findet sich am Ende dieses Artikels.

Spannend finde ich das kollaborative Element. Für mich, den Autor, bringt es viel Unwägbarkeit mit sich – ich weiß immer noch nicht genau, in welche Richtung die Geschichte eigentlich geht oder wie sie ausgehen wird. Andererseits ist der Mensch ein Gewohnheitstier und neigt dazu, in den selben Bahnen zu denken bzw. zu schreiben. Diese Gefahr besteht bei #CorpSq definitiv nicht.

Woran ich mich noch gewöhnen muss: Dass ich einmal Geschriebenes nicht mehr ändern kann. Twitter-Nachrichten lassen sich nicht editieren, was bedeutet, dass jeder Beitrag zu #CorpSq endgültig ist. Schreiben nach dem Fire-and-Forget-Prinzip – das ist neu, und der erste Tippfehler lässt bestimmt nicht lange auf sich warten. Immerhin hat die Sache den Vorteil, dass ich das Manuskript nicht zu überarbeiten brauche…

Problematisch ist derzeit noch die Übersicht. Da der Text auf viele einzelne Twitternachrichten verteilt ist, ist es verhältnismäßig schwierig, die Geschichte als Ganzes zu lesen. Ich arbeite an einer Softwarelösung, die alle zugehörigen Tweets aneinanderreiht, aber die Twittersuche legt den Schwerpunkt auf Relevanz und nicht auf Vollständigkeit, sodass ein zuverlässiges Abrufen von Nachrichten schwieriger als erwartet ist. Bis alles klappt, muss ich die Sache per Hand erledigen, und das ist leider fehleranfällig. Beim nächsten Experiment dieser Art werde ich mich vorher nach einer geeigneteren Lösung als Twitter umsehen.

Das nächste Update von #CorpSq gibt es übrigens erst am Dienstag den 29.; der Montag ist ein Feiertag.

Corporation Square (Stand 25.5.)

Ich stehe auf dem Corporation Square, den Kopf im Nacken,
und kann weit über mir ein Stück vom Himmel sehen.
Ein kleiner blauer Fleck zwischen Fassadenglas und dem Stahl der Streben,
auf denen die oberen Ebenen der Stadt ruhen,
kaum auszumachen vor dem Flackern der Werbeneons. Ich hatte
nicht geglaubt, dass ein so schöner Anblick existiert.
Nur dieser blaue Fleck, mein kleines Stückchen Himmel.
Der Platz ist leer bis auf mich und meinen Körper.
Sirenen heulen, Lichter zucken. Tausend Augen beobachten uns
aus sicherer Entfernung. Ich spüre ihre Blicke,
gefiltert durch Sichtverstärker und Zielfernrohre.
Welch Kompliment: Das alles gilt niemandem
außer mir allein.
Meine Zeit in Freiheit geht zu Ende. Was ist schon Freiheit?
Nur der Name für ein größeres Gefängnis.
Werde ich denn etwas vermissen? Wird mir fehlen,
was mir nicht auch jetzt schon fehlte?
Menschen suchen Antworten, sie können nicht anders.
Aber welche Frage ist wirklich wichtig, wenn nicht diese:
Wie komme ich hierher?

Am Anfang meiner Geschichte steht ein Computer.
Nein, das ist nicht richtig: Meine Geschichte
beginnt in seinem Innern. Eine Geburt
aus Silizium und Null und Eins.

Creative Commons Lizenzvertrag

„Corporation Square“, eine experimentelle Kurzgeschichte (Update)

Im Zuge der Urheberrechtsdebatte habe ich mehr als einmal den Vorwurf gelesen, die Schriftsteller hätten Angst vor dem Internet, sie wüssten mit den neuen Möglichkeiten nichts anzufangen. Anstatt Experimente zu wagen würden sie nur versuchen, Althergebrachtes zu zementieren. Um genau zu sein, habe ich neulich selbst mit diesem Argument gespielt.

Tatsächlich trifft es jedoch auch auf mich zu. Beim Experimentieren mit neuen Veröffentlichungsformen im Netz habe ich mich bislang vornehm zurückgehalten. Weil derjenige im Glashaus nicht mit Steinen werfen soll, starte ich heute mein eigenes Internet-Experiment: Corporation Square

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Warum ich den Aufruf „Wir sind die Urheber“ nicht unterzeichne

Die aktuelle Debatte um das Urheberricht erreichte gestern mal wieder einen neuen Höhepunkt, als 1.500 (Stand: gestern Abend) Schriftsteller, Musiker und Künstler den Aufruf Wir sind die Urheber unterzeichneten. Während ich den knappen Text las, wurde mir schnell klar, dass ich diesen Aufruf auf keinen Fall mitunterzeichnen werde, obwohl ich selber ein Urheber bin.

Zu den „Urhebern“ gehören Schwergewichte wie Charlotte Roche, Daniel Kehlmann, Mario Adorf und Sven Regener (der mit seinem polemischen Radiokommentar die Hochphase der Debatte selbst einläutete). Die Sichtweise, die aus ihrem Text spricht, erinnerte mich an eine Diskussion zum selben Thema, die ich im März mit Bernhard Hennen führte. Er sagte, er ärgert sich, wenn seine Bücher in Tauschbörsen gehandelt werden, wenn dabei zum Teil sogar Geld verdient wird, von dem bei ihm, dem Autor, aber nichts ankommt. Darum sehe er Inititiativen wie ACTA, die schärfere Internetkontrollen vorsehen, grundsätzlich positiv. Ich sah die Dinge anders als Bernhard, auch wenn ich meine Argumente noch nicht recht in Worte fassen konnte.

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Ist Werbung böse?

Werbung ist ein kreativer Prozess, heißt es. Zwar kommt es mir oft so vor, als hätte ich jedes beliebige Werbemotiv schon tausendmal gesehen. Dennoch erkenne ich an, dass man als Werber über eine gewisse Kreativität verfügen muss (auch wenn ich hin und wieder den Verdacht habe, dass sie am Ende bloß dazu verwendet wird, sich neue Flächen auszudenken, die sich mit noch mehr Reklame zupflastern lassen). Doch seit ich das Buch „Brandwashed“ von Martin Lindstrom gelesen habe, frage ich mich, ob die Menschheit ohne Werbung – und ohne Leute wie Lindstrom – möglicherweise besser dran wäre.

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Lesungsnachlese: Buchmesse Leipzig, lit.cologne

Im März war ich eingeladen, um aus Schwarzspeicher zu lesen. Eine der Lesungen fand auf der Leipziger Buchmesse statt. Als ich fertig war, kam ein junger Mann auf mich zu und sagte, was ich vorgelesen und erzählt hätte, sei so spannend gewesen, dass er Lust bekommen habe, Schwarzspeicher zu lesen – als erstes Buch in seinem Leben. Das hat mich natürlich gefreut, aber gleichzeitig war ich ein wenig traurig, weil ich noch nie jemanden getroffen habe, der noch kein einziges Buch gelesen hat. Da habe ich ihm ein Exemplar geschenkt.

(Besten Dank an Verena für das Foto.)

Aus Leipzig ging es dann direkt weiter nach Köln zur lit.cologne. Dort hielt ich eine ziemlich schräge Lesung, und zwar in der U-Bahn mitten im freitagabendlichen Berufsverkehr. Das Ganze war Teil der „Extrafahrt“, bei der einen Tag lang auf verschiedenen Bahnlinien Lesungen, Lyrik und Poetry-Slams zum Besten gegeben wurden.

Den ganzen Nachmittag über wechselten mein Kollege Hans Jürgen Sittig und ich uns damit ab, die überraschten Fahrgäste der Linie 4 zu unterhalten. Stadteinärts las Hans Jürgen aus seinem Krimi „Mordwald“, stadtauswärts ich aus Schwarzspeicher. Die Reaktionen des Publikums waren ausnehmend positiv. Allerdings mussten wir irgendwann die Zelte abbrechen, weil es spät wurde und immer mehr Partyvolk die Bahn bevölkerte.

(Foto: Hans Jürgen Sittig)