Archiv für den Monat: Januar 2015

Die Mühen der Ebenen

Als ich wiederkehrte,
war mein Haar noch nicht grau.
Da war ich froh.

Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns.
Vor uns liegen die Mühen der Ebenen.

Bertolt Brecht richtete diese Worte ursprünglich an die Kriegsheimkehrer und -flüchtlinge. Ich hingegen muss an sie denken, wann immer ich dieser Tage eine beliebige Nachrichtenseite aufrufe und von den jüngsten Vorstößen lese, die hart erkämpften Rechte und Freiheiten unserer Gesellschaft auszuhöhlen.

Gefangener in Guantànamo Bay
Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen – wenn es nur so einfach wäre …

Ob in Guantànamo an der Ächtung der Folter gerüttelt wird, in Davos an der Mitbestimmung des Volkes oder seitens von de Maizière und Co. am Recht auf vertrauliche und sichere Kommunikation, das Muster ist immer das Gleiche. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht ein Recht, das die Macht aus den Händen weniger in die Hände aller verlagerte. Dies mag das Recht auf politische Mitbestimmung sein, auf körperliche Unversehrtheit, Schutz der Privatsphäre, eine faire Gerichtsverhandlung oder auf etwas anderes, das uns heutzutage als selbstverständlich erscheint. Natürlich will niemand diese Rechte abschaffen, zumindest nicht offiziell. Stattdessen sollen sie lediglich beschnitten werden, Stück für Stück, zum Schutz vor Terrorismus oder Kinderpornographie oder Steuerflucht, und das solange, bis nichts mehr davon übrig ist. Die Salamitaktik der Unfreiheit.

Keines dieser Rechte war einfach da. Sie fielen nicht vom Himmel, sondern wurden gegen den Widerstand derer erkämpft, die vom Status Quo profitierten. In diesem Status Quo entschied nicht das Individuum über das eigene Schicksal, sondern eine kleine Elite: Zaren, Kaiser, Diktatoren; Sklavenhalter, Großindustrielle, TTIP-Anwälte; Geheimdienste, Boko Haram, der Vatikan

Menschenrechte zu erstreiten ist eine noble Sache. Nicht umsonst werden Menschen wie Gandhi, Nelson Mandela oder Martin Luther King verehrt und ihr Andenken bewahrt. Sie sind die Pioniere der Freiheit, die Bergsteiger einer friedlichen Moderne.

Leider liegt es in der Natur des Menschen, dass wir uns an alles gewöhnen, wie aufregend oder großartig es uns früher auch vorgekommen sein mag. Menschenrechte bilden keine Ausnahme. Dass man heute in den meisten Teilen der Welt keine Angst haben muss, von der Obrigkeit gefoltert oder misshandelt zu werden, ist an Bedeutung kaum zu überschätzen. Trotzdem ist es für viele von uns eine banale Gewissheit. Wer nie ohne diese Sicherheit gelebt hat, dem fällt es schwer, sie angemessen zu würdigen.

Schon immer war es spannender, etwas Neues zu erschaffen, als das Bestehende zu bewahren. Das ist nicht nur die Quintessenz von Interstellar, sondern auch der Grund für die Lethargie, mit der die Welt auf all die Ungeheuerlichkeiten reagiert, die vermeintlich rechtsbewusste Staaten neuerdings verüben: gezielte Tötungen, „erweiterte Verhörmethoden“,das  Aufweichen kryptographischer Standards, Zufallskontrollen, bei denen rein zufällig vor allem Schwarze oder Araber ausgewählt werden und dergleichen mehr. Dabei ist die Verteidigung eines Rechts nicht weniger wichtig als die Bestrebungen, es geltend zu machen. Egal, welche dieser Aufgaben nicht erfüllt wird, das Recht ist in beiden Fällen futsch.

Um ein neues Recht zu erstreiten, muss man die Mühen der Berge auf sich nehmen. Wer das Erstrittene bewahren will, auf den warten dagegen die Mühen der Ebenen: Alltagstrott, Klein-Klein, jeden Tag aufs Neue. Es ist das Gegenteil von Glamour.

Es war selten wichtiger als heute.

Bildquelle: The Center for Justice & Accountability

Glück und harte Arbeit

Als ich als Schriftsteller anfing, dachte ich, nach der ersten Romanveröffentlichung habe ich es geschafft. Das war 2007.

Gestern las ich den schmerzhaft ehrlichen Blogeintrag einer Science-Fiction-Autorin aus den USA. Kameron Hurley schreibt darüber, wie viel Glück eine etablierte Autorin wie sie, mit einer Handvoll Titeln in der Backlist, haben musste und wie viel gnadenlose Selbstvermarktung nötig war, damit sie ein paar hundert Exemplare mehr verkaufte und am Ende einen Buchvertrag bekam, der mehr als ein symbolisches Zubrot zu ihrem Einkommen darstellte.

Es ist traurig, aber irgendwie auch ein bisschen beruhigend, dass ich mich in ihrem Blogpost mehr als einmal wiederfand, ob sie über die Ausgezehrtheit durch die permanente PR schreibt oder das demoralisierende Gefühl, einfach nicht vom Fleck zu kommen. Mein Lichtstreif: Wenn selbst eine Autorin, die auf der Hugo-Shortlist stand, bis neulich noch herumkrebste, bin ich vielleicht doch nicht der schlechteste Schriftsteller der Welt.

Und dann lese ich einen Kommentar auf Hurleys Beitrag von Charles Stross:

(…) it’s much, much worse for anyone aspiring to write in the curious genre known as „literary mainstream fiction“. (…) At least we [Autoren der Genres Fantasy und Science Fiction] (ha)ve got the legacy of genre ghetto solidarity to fall back on; in the mainstream you’re on your own.

Auch ich kenne und schätze den Zusammenhalt der deutschen SF/F-Szene. Im Bereich Krimi kann ich mich dann wohl auf Einiges gefasst machen.

Immerhin, auch ich bin nicht völlig glücklos. Zum einen kommen täglich neue Rückmeldungen von Amoralisch-Lesern herein und erfreuen mein Herz. Und wie es aussieht, habe ich auch einen Verlag für die Taschenbuchausgabe gefunden. Es könnte schlimmer sein :-)