Gewalt? Keine Zeit, es gibt Tee

Viel wurde in den vergangenen Tagen und Wochen darüber geschrieben, wie dünn die Tünche der Zivilisation immer noch ist, Informationszeitalter hin oder her. Wie wenig geschehen muss, um anständige, rechstreue Bürger zu verbaler, struktureller oder physischer Gewalt anzustiften. Sie dazu zu bringen, rassistische oder sexistische Pöbeleien von sich zu geben, zu Zehntausenden gegen eine nicht existierende Bedrohung zu protestieren, Tausende Menschen vor den Toren Europas ertrinken zu lassen, Amtspersonen per Todesdrohung zu verjagen oder gar zu Brandstiftern zu werden.

Oftmals lassen sich diese Schandflecke auf dem Antlitz der Gesellschaft mit dem – im ästhetischen Sinn – schönen deutschen Wort „Besitzstandswahrung“ erklären. Uns in Deutschland und der EU geht es fantastisch, aber nicht mehr ganz so fantastisch wie noch vor ein paar Jahren. Wenn es so weitergeht, müssen wir noch auf den Zweitwagen oder den neuen drölfzig-Zoll-Plasmafernseher mit eingebauter Kaffeemaschine verzichten. Weil wir aber nichts von unserem Wohlstand abgeben möchten, pfeifen wir stattdessen auf Jahrtausende alte zivilisatorische Errungenschaften wie Hilfsbereitschaft oder Gastfreundschaft. Ein Jammer, dass das zu Lasten der vielen Armutsflüchtlinge geht, aber was sollen wir machen, unser Boot ist doch schon so voll und wir essen nun mal gerne sieben Mal die Woche Fleisch.

Andere Worte für diese Geisteshaltung sind „Kleinmut“, „Kaltherzigkeit“ und „Menschenfeindlichkeit“.

Dieses Titanic-Titelbild ist von 1991. 1991!

Aber noch gibt es Hoffnung für die Menschheit, zumindest in einem kleinen Teil der Welt. Die Rede ist von Großbritannien.

Zwar ist es keineswegs so, dass die Briten eine weiße Weste hätten, was die Wahrung der Menschenrechte angeht. Dennoch haben sie einen Brauch für das zivilisierte Miteinander entwickelt, der stärker zu sein scheint als Geiz, Furcht und Hass: Das Teetrinken.

Schon bei „Asterix bei den Briten“ unterbrechen ebendiese Punkt fünf Uhr die Schlacht, um ihr heißes Wasser mit Milch zu genießen (Tee lernen sie am Ende des Bandes durch Miraculix kennen). Und auch heute noch ist es im Vereinigten Königreich Brauch, dass jeder, selbst der Erzfeind, auf eine Tasse Tee und Kekse ins Wohnzimmer hereingebeten wird.

Zu diesem Schluss kam ich jedenfalls bei der Lektüre von Adrian McKintys Kriminalroman „Die verlorenen Schwestern“ (Originaltitel: „In the Morning I’ll be Gone“). Das Buch spielt im Nordirland der 80er Jahre, zur Hochphase der „Troubles“, wie die jahrzehntelangen blutigen Unruhen verharmlosend genannt werden. Die Geschichte handelt von dem Konflikt zwischen britischen Protestanten und irischen Katholiken, vom Katz-und-Maus-Spiel zwischen IRA und Polizei, von Blut und Wasser und gespaltener Loyalität. Abgesehen davon ist es einfach ein sehr gutes Buch, das ich nur empfehlen kann.

Covert zu „Die Verlorenen Schwestern“ (Bild: Suhrkamp)

(Minimale Spoilerwarnung)

Zu Beginn des Buches wird Protagonist Sean Duffy aus der Polizei herausgintrigiert, worüber er verständlicherweise ziemlich sauer ist. Irgendwann kriegt er Besuch von zwei Regierungsmitarbeitern, d.h. von Leuten, die für das gleiche Team spielen, das ihn damals herausgeschmissen hat. Was macht er als erstes, nachdem er sie hineingebeten hat? Tee.

An einer anderen Stelle befragt Duffy eine IRA-treue Familie, die er noch aus seiner Kindheit kennt (er ist von Geburt Nordire). Der Empfang ist mehr als kalt; er arbeitet für die verhassten Besetzer und gegen seine eigenen Landsleute. Und trotzdem: Er wird in die Wohnung hineingebeten und bekommt Tee und Kekse serviert (eklige Kekse, aber immerhin).

Als Duffy einen flüchtigen IRA-Bombenleger in dessen vor Monaten eingerichteten Unterschlupf begegnet, macht dieser sich als erstes Sorgen darum, dass sein vakuumverpackter Tee nicht mehr gut sein könnte. Ehe der Leser es sich versieht, stehen Teetassen und Kekse auf dem Tisch. Auch wenn die beiden einander erschießen wollen, erst einmal wird Tee getrunken. So viel Höflichkeit muss sein!

(Spoiler Ende)

Ich bin kein großer Freund von Tee, aber den Brauch, ausnahmslos jedem Gast eine Tasse davon anzubieten, finde ich bemerkenswert. Was dies angeht, ist die zivilisatorische Tünche der Briten dicker als anderswo. Es würde uns gut tun, wenn es mehr Traditionen gäbe, die wie der englische Fünfuhrtee so tief in der DNA der Gesellschaft verankert ist, dass sie auch Mord und Totschlag besiegen, und sei es nur für ein paar Minuten.

Leider haben wir in Deutschland keinen ähnlichen Brauch, zumindest fällt mir keiner ein. Oder irre ich mich? Hinterlass mir einen Kommentar, wenn dir etwas einfällt.

(Beitragsbild via Wikimedia Commons)