Archiv für den Monat: Juni 2015

Scheitern kann auch Spaß machen

Alle erzählen gerne von ihren Erfolgen; das eigene Scheitern dagegen schweigen die meisten lieber tot. (Geständnis Nr. 1: Ich bin keine Ausnahme.) Doch die belgische Indiegames-Schmiede Tale of Tales erzählte kürzlich ganz offen vom Misserfolg ihres jüngsten Spiels. Genauer: Für den kommerziellen Misserfolg, denn Sunset ist ein kleines Kunstwerk, das  von der Kritik hoch gelobt wird. Einziges Problem: Es verkauft sich nicht.

In einem lesenswerten Blogeintrag geben die beiden Tale-of-Tales-Mitglieder Michaël und Auriea einen schonungslosen Einblick in die Hoffnungen, die sie in ihr Spiel gesetzt hatten, welche Hebel sie in Bewegung setzten, um die Erfolgschancen zu maximieren, wie sie sogar eine PR-Firma für anheuerten, um das Spiel zu vermarkten – und wie die Verkaufszahlen von Sunset trotz allem eine herbe Enttäuschung blieben. (Geständnis Nr. 2: Auch ich habe Sunset nicht gekauft.)

Hier und da ist im Blogeintrag deutlich Verbitterung zu spüren (Übersetzung von mir):

Es ist nicht leicht, vor dem Hintergrund von schwärmerischen Kritiken und Lob und Ermutigungen von Spielern mit diesem brennenden Gefühl der Enttäuschung umzugehen. Eine kleine Gruppe von Leuten schätzt das, was wir tun, zutiefst, und wir verfluchen das Wirtschaftssystem, das es uns nicht erlaubt, uns damit zufrieden zu geben.

Das ist ein Gefühl, dass auch ich kenne. Ich freue mich wie Hulle, wenn jemand meine Bücher lobt, doch vom Lob alleine kann ich meine Miete nicht bezahlen. Wie Michaël und Auriea wünsche auch ich mir, dass ich nicht von Verkaufszahlen und Tantiemenabrechnungen abhängig wäre. Aber zum Leben braucht man heutzutage eben Geld, und wenn die eigenen Werke gut beim eigenen Publikum ankommen, ist es trotzdem frustrierend, wenn das Publikum von überschaubarer Größe ist. (Geständnis Nr. 3: Ich bin in der glücklichen Situation, dass ich nicht ausschließlich von meinen Büchern leben muss.)

Über genau diesen Konflikt und über mögliche Lösungen habe ich vergangenes Jahr einen Vortrag gehalten. Hier ist das Video dazu:

Sunset ist das letzte Spiel, dass es von Tale of Tales geben wird. Das ist ein Jammer. Die gute Nachricht lautet, dass die beiden auch weiterhin künstlerisch tätig sein werden. Aus dem Scheitern von Sunset nehmen sie zudem eine wichtige Erkenntnis mit: Es hat keinen Zweck, die eigene Idee dem Geschmack anderer anzupassen. „Unrecht haben macht dich frei“, schreiben sie und schließen mit den Worten:

Wir sind glücklich und stolz, dass wir versucht haben, ein „Spiel für Spieler“ zu machen. Für Sunset haben wir alles gegeben, wirklich alles. Und wir sind gescheitert. Das ist etwas, das wir also nicht nochmal machen müssen. In unseren Herzen brennt immer noch die Kreativität, aber wir denken nicht, dass wir hiernach noch Videospiele machen werden. Und falls doch, dann unter Garantie keine kommerziellen.

Als (kommerziell) nicht besonders erfolgreicher Autor bewundere ich die Offenheit, mit der Michaël und Auriea ihre Situation schildern. Es tut gut zu wissen, dass andere Leute im gleichen Boot sitzen wie man selbst. Und noch mehr freut es mich, dass sie ihre künsterische Vision trotz allem nicht zugunsten des Massengeschmacks verwässern wollen. Ich drücke ihnen die Daumen, dass sie sich diese Haltung auch leisten können.

Kleine Linkschau (2)

„Da konnten wir uns auch mal eine Waschmaschine leisten.“
Ein schönes Interview mit Helmut Rellergerd über seine ersten Schritte als Autor. Reller-wer? Besser bekannt ist er als Jason Dark, der Schöpfer des Groschenroman-Helden John Sinclair. (Spiegel.de, Christian Neeb)

Amazons neues Vergütungsmodell
Amazon plant, E-Book-Autoren nicht mehr pro verkauftem Buch zu bezahlen, sondern pro tatsächlich gelesener Seite. „Selbst wenn man den Bildungsbürger-Dünkel nicht teilt, dass bei Massengeschmack nur Unrat herauskommt, könnte Amazons Schritt umkrempeln, wie Autoren Bücher denken.“ (taz.de, Meike Laaff)

„Wenn Sie noch nie im Internet belästigt wurden: Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem weißen Penis.“
John Oliver spricht darüber, welchen Belästigungen Frauen im Internet tagtäglich ausgesetzt sind und warum sie damit weitgehend allein gelassen werden. Über die im Beitrag interviewte Spielekritikerin Anita Sarkeesian habe ich schon früher geschrieben. (Youtube.com, englisch)

Kleine Linkschau

Ich kann nicht glauben, dass es das ist, was ich glaube, das da steht.
Übersetzer sind die Wortschmiede im Schatten der Autoren. Dirk van Gunsteren, Übersetzer u.a. von Thomas Pynchon, spricht im Interwiew über seine Arbeit. (taz.de, Ulrich Gutmair)

The Secret to Cracking Writer’s Block
Schreibblockade? Besser nicht drüber nachdenken! Ach, denkt der Schriftsteller, wenn es doch nur so einfach wäre … (Salon.com, Jessica Schmerler, englisch)

„… aber die Leute im Internet schauen sich nur Katzenbilder an“
(banksy.co.uk)

Leider wahr.
(tobias-radloff.de)

Zehn Tipps, um besser zu schreiben

Im Mai starb William Zinsser („Schreiben wie ein Schriftsteller“). In Deutschland kannte ihn kaum jemand, doch im englischsprachigen Raum ist sein Buch „On Writing Well“ eines der bekanntesten Werke darüber, wie man gute Sachtexte schreibt. Zinssers Ratschläge sind nicht nur für Journalisten und Sachbuchautoren interessant, sondern auch für alle, die Belletristik schreiben – denn wer gute Sachtexte schreiben kann, der hat das Handwerkzeug für Belletristik schon parat (und umgekehrt).

"Schreiben wie ein Schriftsteller" von William Zinsser
Zinssers hieß mit zweitem Vornamen „Knowlton“. Wie cool ist das denn?

Anlässlich seines Todes hat OpenCulture.com einige von Zinssers vielen Tipps zusammengestellt, wie man besser schreibt. Ich habe mir erlaubt, sie ins Deutsche zu übersetzen. Zehn Tipps, um besser zu schreiben weiterlesen