Musste er das sagen?

Es mag in der 9. oder 10. Klasse gewesen sein, dass ich im Deutschunterricht die Novelle „Katz und Maus“ las. Es war mein erstes Buch von Günter Grass, und ich mochte es, auch wenn ich mittlerweile nicht mehr weiß, ob es trotz oder wegen der Tatsache war, dass es schwieriger Stoff ist. In der Klassenarbeit über das Buch schrieb ich, Günter Grass sei „(einer) der besten Literaten unserer Zeit“, und es war ehrlich gemeint. Mittlerweile bin ich selbst Schriftsteller, Grass muss gewisse Dinge sagen, und ich denke darüber nach, was ich in einer neuen Deutscharbeit über ihn schreiben würde.

An „Katz und Maus“ bewunderte ich, welch lebendige Figur Grass mit dem großen Mahlke schuf. Ich staunte über die Unzuverlässigkeit des Erzählers und war fasziniert von der Resonanz, die Grass an vielen Stellen im Buch erzeugt und die ich damals fast ausnahmslos unter Zuhilfenahme der Sekundärliteratur entdeckte. Als er 1999 den Literaturnobelpreis bekam, zweifelte ich nicht daran, dass er dem Richtigen verliehen wurde. Was seitdem über ihn bekannt wurde, ändert nichts an der Güte seiner Bücher. Die Frage ist, ob es etwas an der Wahrnehmung von Grass als Dichter ändert.

Ich erinnere mich noch an den Skandal vor fünf oder sechs Jahren, als er seine Zwiebelhaut abstreifte und zum ersten Mal öffentlich von seiner Vergangenheit in der Waffen-SS sprach. Der Aufschrei war groß. Manch ein Politiker forderte Grass auf, er möge doch bitte seinen Nobelpreis zurückgeben, und Joachim Fest wollte ihm gar absprechen, sich in moralischer Weise zur nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands äußern zu dürfen. Ich fand diese Kritik nie gerechtfertigt. Letztendlich geht es doch darum, inwieweit Werk und Biografie eines Künstlers einander bedingen. Reicht eine (möglicherweise) getrübte Biografie aus, um ein ganzes Werk zu entwerten? Oder spricht das Werk für sich?

Sicherlich sind Leben und Schaffen eines Künstlers nicht völlig voneinander entkoppelt – wäre es so, gäbe es in der Buchhandlung kein „Biografien“-Regal. Die Leser wollen etwas über das Leben derer erfahren, deren Taten oder Werke sie bewegen, und das ist ein legitimes Anliegen. Das Wissen über die Person ist aber keine Voraussetzung, um ihre Bücher lesen und verstehen zu können. So wäre jemand, der nichts über C. S. Lewis weiß, trotzdem in der Lage zu erkennen, dass die „Chroniken von Narnia“ ein christliches Vehikel sind, das als Fantasy-Roman maskiert daherkommt. Mehr noch: Ich denke, dass das künstlerische Werk nicht durch den Lebenswandel des Schaffenden entwertet werden kann; eine solche Entwertung kann das das Werk nur aus sich selbst heraus erreichen. Sollte ich also je die Gelegenheit haben, einen Roman von L. Ron Hubbard zu lesen, würde ich nicht vom Ruf des Autors auf die Qualität des Buches schließen, sondern es so unvoreingenommen wie möglich lesen (auch wenn ich zugeben muss, dass das keine leichte Aufgabe wäre), um nach der Lektüre zu entscheiden, ob es ein gutes oder schlechtes Buch war. Vielleicht war Hubbard ja ungeachtet seines übrigen Schwachsinns ein begnadeter Schriftsteller; ausschließen mag ich es nicht.

Auch im Fall Grass gilt für mich die Devise „Werk vor Biografie“. Seine Bücher sind eindrucksvolle Apologien der Menschlichkeit, und diese Wirkung wird ihnen nicht dadurch genommen, dass Grass als 17-Jähriger SS-Mitglied war. Diese Phase seines Lebens ist ganz offensichtlich vorbei. Schon vor der Zwiebel wäre es niemandem eingefallen zu vermuten, aus Grass‘ Texten könnte man eine geistige Nähe des Autors zum Nationalsozialismus herauslesen, und auch nachher hat meines Wissens lediglich Henryk M. Broder Derartiges geäußert (und was der sagt, interessiert mich nicht besonders). Insofern hätte Grass über dieses Kapitel seines Lebens auch Schweigen bewahren können, und seine Bücher wären trotzdem die gleichen geblieben.

Auch im aktuellen Skandal habe ich den Eindruck, dass Grass vielfach zu Unrecht kritisiert wird, zum Beispiel dann, wenn ihm das Recht abgesprochen werden soll, Israels Politik kritisieren zu dürfen. Grass beklagt das „Sich-nicht-Einlassen auf den Inhalt“ des Gedichts, und tatsächlich wirft die Wucht, mit der auf ihn eingeschlagen wird, die Frage auf, ob es den Kritisierenden wirklich nur um sein Gedicht geht oder vielmehr darum, wer es geschrieben hat.

Dennoch wird „Was gesagt werden muss“ in meinen Augen zu Recht angegriffen. Es gibt gute Argumente dafür, warum man Grass‘ Kritik an Israel so nicht stehenlassen sollte. Eines dieser Argumente ist die Tatsache, dass Israel ein „one-bomb-country“ ist: Eine einzige Atombombe würde genügen, um den winzigen Staat von der Landkarte zu tilgen. Israel verfügt über keinerlei Hinterland, keine Rückzugsräume, keine Schutzzonen. Wie klein das Land wirklich ist, kann man sich anhand der Tatsache klarmachen, dass die Übersicht über das israelische Schienennetz etwa so komplex ist wie die der U-Bahn-Plan von Hannover.

Weil der erste Nuklearangriff gleichzeitig auch der letzte wäre, ist Irans Streben nach der Bombe eine reale Bedrohung für Israels Existenz – noch dazu keine abwegige. Irans Präsident Ahmadinedschad redet offen von der Auslöschung Israels, und sein Regime unterstützt Organisationen wie die Hamas, deren Logo eine Landkarte zeigt, auf der Israel verschwunden ist. Ahmadinedschad als „Maulhelden“ zu verharmlosen ist eine gefährliche Untertreibung.

Nun ist es nicht so, dass man nicht auch Israels Regierung kritisieren kann. Ich will hier gar nicht auf die Siedlungspolitik oder das israelische Atomprogramm eingehen, das – wie Grass betont – außerhalb des Atomwaffensperrvertrags existiert. Hier soll es lediglich um die israelischen Pläne eines präventiven Erstschlags gegen Iran gehen,

Anfang des Jahres las ich im Spiegel ausführlich über die möglichen Flugrouten der israelischen Bomber, darüber, welche iranischen Atomanlagen als Ziele in Frage kommen und mit welchen Waffen sie sich zerstören ließen. Ich halte es für keinen Zufall, dass derart detaillierte strategische Informationen in die Hände der freien internationalen Presse gelangt sind; vermutlich gehört das zur Strategie der israelischen Regierung, eine Drohkulisse in Richtung Teheran aufzubauen. Noch befinden wir uns in der Phase des Säbelrasselns, aber die Stoßrichtung ist klar. Ich persönlich halte die Drohung eines präventiven israelischen Erstschlags für glaubwürdig.

Schwierig finde ich jedoch die grundsätzliche Einschätzung der Rechtmäßigkeit eines „präventiven Angriffs“. Sollte Israel auf einen Angriff Irans reagieren dürfen, bevor dieser erfolgt ist („Minority Report“ lässt grüßen)? Darf Israel es auf der anderen Seite wagen, nicht präventiv anzugreifen, wenn doch der iranische Erstschlag das Ende Israels bedeuten könnte (Stichwort „one-bomb-country“)? Ich weiß darauf keine einfache Antworten. Ich weiß aber, dass ein präventiver Angriff Israels viele Menschenleben kosten und gegen das Völkerrecht verstoßen würde, und das wird leider nicht besonders oft gesagt. Insofern hätte Grass‘ Gedicht im Prinzip eine gute Sache sein können, wenn es mehr als einseitige Schuldzuweisungen zu bieten gehabt hätte.

In dem ARD-Interview vom 5. April stilisiert er sich jedoch als Tabubrecher, der von einer „fast wie gleichgeschalteten Presse“ durch die Mangel gedreht wird, bloß weil er ein Thema angesprochen habe, über das man nicht reden dürfe. Nun ist Israel tatsächlich ein heikles Thema, wie jede beliebige Internetdiskussion zum Thema bestätigen kann. Dennoch macht Grass es sich zu leicht. Dass ein israelkritisches Gedicht einen Shitstorm nach sich ziehen würde, hätte er sich auch selbst überlegen können; Erfahrung mit Skandalen hat er schließlich genug.

Was er jedoch gar nicht bedenkt: Wenn alle Journalisten das Gleiche sagen, muss das nicht zwangsläufig bedeuten, dass sie auf Anweisungen von oben hören. Vielleicht haben sie ganz einfach recht. Dann liegt Grass aber falsch, und dass er das nicht einsieht, lässt ihn wie einen verbohrten alten Mann dastehen.

Von mir aus kann er gerne ein solcher sein. Alte Grantler gibt es viele, und nach einem mehr oder weniger kräht kein Hahn. Grass‘ Texte, zumindest seine älteren, bleiben davon unberührt. Ich würde heute zwar nicht mehr schreiben, dass er zu den ganz Großen gehört, aber er tat es und das kann ihm keiner nehmen. Und ich werde auch weiterhin versuchen, ein ganz kleines bisschen so zu schreiben wie er in „Katz und Maus“.

Ein Gedanke zu „Musste er das sagen?

Kommentare sind geschlossen.