Die neuen Philantropen

In der Rubrik „Author’s Diary“ schreibe ich in loser Folge über aktuelle Dinge, die mich freuen, ärgern oder anderweitig beschäftigen, seien es Politik, Zeitgeschehen oder der dröge Alltag. Regelmäßige Updates nicht ausgeschlossen.

Ende Mai kehrte die Raumkapsel Dragon von einem Versorgungsflug zur ISS wohlbehalten zur Erde zurück. Dragon wurde von SpaceX entwickelt, einer Firma des Paypal-Millionärs Elon Musk (40). Der erfolgreiche Abschluss der Mission gilt als Zeitenwende in der irdischen Raumfahrt: Zum ersten Mal ist es kein Staat, der die Grenzen unseres Planeten überwindet, sondern eine private Firma.

Ich hätte dem Thema dennoch nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt, wenn nicht ein Satellitenbeobachter namens Jonathan einen interessanten Gedanken dazu geäußert hätte. Er sagte, dass Musk einer der ersten Vertreter einer neuen Generation von reichen Menschen ist. Durch das Geld, das Musk und Co. während des Dotcom-Booms verdient haben, sind sie in die Lage, ihre Kindheitsträume zu verwirklichen. Gleichzeitig sind sie jung genug, dass ihre Kindheit und damit ihre Träume von Popkultur und Popcorn-Kino geprägt sind. Leute wie Musk, so Jonathan, haben nicht die gleichen Träume und Ziele wie die, die vor ihnen kamen.

Da ist was dran. Die SpaceX-Trägerrakete Falcon beispielsweise ist nach Han Solos „Millennium Falcon“ aus Krieg der Sterne benannt. Und wovon träumt Elon Musk? Zum Mars zu fliegen.

Plattenmilliardär Richard Branson haut mit Virgin Galactic in eine ähnliche Kerbe: Er will Weltraumflüge für jedermann anbieten. Die ersten 550 Tickets sind schon weg, Stückpreis 200.000 Dollar.

Auch das vollautomatisierte Haus von Microsoft-Gründer Bill Gates dürfte einen ähnlichen Hintergrund haben. Er hat den Traum, er hat das Geld – los geht’s!

Es ist eine interessante Vorstellung, genug Geld zu haben, um damit jede noch so verrückte Unternehmung finanzieren zu können. Welche Unternehmung das sein soll, ist hingegen schwieriger zu beantworten, als man denkt. Ich jedenfalls weiß nicht, was ich wirklich mit ein paar Millliarden machen würde. Es ist ein bisschen wie in der Unendlichen Geschichte; der Spruch Tu was du willst ist weniger leicht umzusetzen, als es den Anschein hat. Wenn es mir irgendwann gelingt, mache ich vielleicht ein Buch daraus.

Jedenfalls habe ich den Eindruck, dass es in den letzten Jahren schwieriger geworden ist, mit Geld um sich zu werfen und dabei Gutes zu tun. Rockefeller, Carnegie und Co. hatten es leichter, sich als Philantropen zu gebärden, denn die Zeit ist nicht stehengeblieben.

Anfang des letzten Jahrhunderts konnte man seiner Stadt eine neue Konzerthalle spendieren. Heute muss lange suchen, um eine Kleinstadt zu finden, die noch keine Stadthalle, Theater und Veranstaltungszentrum mit Tagungshotel aufweist. Man konnte Forschungsexpeditionen finanzieren oder die Erstbesteigung von Gipfeln. Heute gibt es auf der Landkarte keine weißen Flecken mehr, und auf dem Mount Everest herrscht Hochbetrieb. Im Grunde bleibt dem Menschen nur noch ein einziges Expeditionsziel, und das ist der Weltraum.

Zudem geht die Öffentlichkeit heute, in Zeiten von Shitstorms und dem Streisand-Effekt, kritischer mit Philantropen um (und mit allen anderen auch). Steckt man z.B. 800 Millionen Dollar pro Jahr in die Verbesserung der Gesundheitsversorgung von armen Ländern, wie die Bill & Melinda Gates Foundation es tut, muss man sich vorwerfen lassen, rassistische Auswahlkriterien anzuwenden und den lokalen Brain Drain zu verschärfen.  Nicht, dass solche Vorwürfe nicht gerechtfertigt wäre. Nur machen sie es dem modernen Philantropen so viel schwerer als früher, sich für seine guten Taten feiern zu lassen.

Ein weiteres Problem dürfte die permanente Krise sein. Unseren Kindern wird es schlechter gehen als uns heute, und im Angesicht dessen wirken optimistische Großprojekte reicher Spender eher unpassend. Wozu braucht eine Stadt ein neues Denkmal, wenn nachts die Straßenlampen ausgeschaltet werden, damit die Stromrechnung bezahlt werden kann?

Und dann die schiere Größe der Zahlen! Die Kosten der Elbphilharmonie in Hamburg haben sich seit Beginn der Planung auf heute 476 Millionen Euro mehr als vervierfacht. Der Big Dig, ein großes Tunnelprojekt in Boston, kostete nicht 2,8 Mrd. US-Dollar, sondern 14,6 Mrd. Der Eurorettungsschirm ESM soll gar 700 Milliarden Euro enthalten, und wenn ich wetten müsste, dann würde ich darauf setzen, dass auch dies nicht das letzte Wort ist. Welcher private Spender könnte derartige Defizite ausgleichen? Und warum sollte er das überhaupt wollen? Er hat sie schließlich nicht verschuldet.

Die Zeit wird zeigen, welche Träume andere aus Musks Generation zu verwirklichen suchen. Was wird Mark Zuckerberg mit seinen zig Milliarden anstellen, wenn er sich von Facebook zurückgezogen hat? Wovon träumen Googles Sergej Brin und Larry Page? Was hätte Steve Jobs getan?

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