Archiv der Kategorie: Allgemein

Nachlese Leipziger Buchmesse

Vergangene Woche war ich in Leipzig, auf der schöneren der beiden großen Buchmessen in Deutschland. Ich habe zwei Lesungen gehalten und viele supernette Leute kennengelernt. Ich lasse ja nicht gerne was auf Frankfurt kommen, aber was Buchmessen angeht, hat Leipzig einfach die Nase vorn.

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Hier lese ich auf dem Literaturforum in Halle 5. Ganz schön high-brow! (Bild: https://www.facebook.com/vertriebscentrum/)

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Tony Stark, der Playboy – Natascha Romanoff, die Schlampe

Das Internet ist mal wieder auf dem Kriegspfad: Weil die Schwarze Witwe im neuen Avengers-Film so schlecht wegkommt, ist die Netzgemeinde sauer und lässt ihren Frust an Regisseur Joss Whedon aus; Todesdrohungen inklusive. Wie nicht anders zu erwarten war, steht jetzt der Shitstorm im Fokus und nicht mehr das eigentliche Problem: dass das Marvel-Kino-Universum von sexistischer Kackscheiße durchdrungen ist. Tony Stark, der Playboy – Natascha Romanoff, die Schlampe weiterlesen

Ich bin nicht voreingenommen

Wirklich nicht. Kein bisschen. Stereotpyen, Vorurteile? Habe ich nicht, denn ich gehe ja immer offen und neutral an Neues heran. Q.e.d.

Anderes Thema: Neulich las ich Das Syndrom von John Scalzi (Lock In im englischen Original), und dabei hatte ich ein merkwürdiges Erlebnis.

In dem Roman entwickeln Millionen von Menschen weltweit das Locked-In-Syndrom: Sie bekommen alles mit, was um sie herum geschieht, aber sie können ihren Körper nicht mehr bewegen. Locked-In gibt es tatsächlich, und ich stelle es mir ziemlich unangenehm vor. Zum Glück spielt Das Syndrom in der Zukunft, und in dieser wurden Hirnimplantate entwickelt, dank derer die Eingeschlossenen mit der Außenwelt kommunizieren können. Indem sie sich menschenähnlicher Roboter („Threeps“, benannt nach ihm hier) bedienen, können sie arbeiten, ausgehen und ein weitgehend normales Leben führen – wenn man davon absieht, dass ihre biologischen Körper tagein, tagaus im Bett liegen, reglos  und still und durch Schläuche mit Nährstoffen versorgt. Ich bin nicht voreingenommen weiterlesen

Glück und harte Arbeit

Als ich als Schriftsteller anfing, dachte ich, nach der ersten Romanveröffentlichung habe ich es geschafft. Das war 2007.

Gestern las ich den schmerzhaft ehrlichen Blogeintrag einer Science-Fiction-Autorin aus den USA. Kameron Hurley schreibt darüber, wie viel Glück eine etablierte Autorin wie sie, mit einer Handvoll Titeln in der Backlist, haben musste und wie viel gnadenlose Selbstvermarktung nötig war, damit sie ein paar hundert Exemplare mehr verkaufte und am Ende einen Buchvertrag bekam, der mehr als ein symbolisches Zubrot zu ihrem Einkommen darstellte.

Es ist traurig, aber irgendwie auch ein bisschen beruhigend, dass ich mich in ihrem Blogpost mehr als einmal wiederfand, ob sie über die Ausgezehrtheit durch die permanente PR schreibt oder das demoralisierende Gefühl, einfach nicht vom Fleck zu kommen. Mein Lichtstreif: Wenn selbst eine Autorin, die auf der Hugo-Shortlist stand, bis neulich noch herumkrebste, bin ich vielleicht doch nicht der schlechteste Schriftsteller der Welt.

Und dann lese ich einen Kommentar auf Hurleys Beitrag von Charles Stross:

(…) it’s much, much worse for anyone aspiring to write in the curious genre known as „literary mainstream fiction“. (…) At least we [Autoren der Genres Fantasy und Science Fiction] (ha)ve got the legacy of genre ghetto solidarity to fall back on; in the mainstream you’re on your own.

Auch ich kenne und schätze den Zusammenhalt der deutschen SF/F-Szene. Im Bereich Krimi kann ich mich dann wohl auf Einiges gefasst machen.

Immerhin, auch ich bin nicht völlig glücklos. Zum einen kommen täglich neue Rückmeldungen von Amoralisch-Lesern herein und erfreuen mein Herz. Und wie es aussieht, habe ich auch einen Verlag für die Taschenbuchausgabe gefunden. Es könnte schlimmer sein :-)

Inquisition, Kastration, Playstation

Im Winter 2009/2010 verbrachte ich viele, viele Stunden vor der Playstation und spielte Dragon Age: Origins. Gefesselt hat mich das Spiel nicht nur, weil die Spielwelt so lebendig und vielfältig ist, sondern vor allem wegen der Figuren, denen man im Spiel begegnet.

Meine Mitstreiter und Gegenspieler in DA:O sind vielschichtig und widersprüchlich, fehlerbehaftet und liebenswert und grausam und vieles andere mehr. Vor allem aber haben sie nachvollziehbare, glaubwürdige Motivationen, warum sie so handeln, wie sie handeln. Selbst wenn sie Taten verüben, die ich abscheulich finde, verstehe ich doch ihre Gründe dafür. Für Charaktere in einem Computerspiel kommen die aus Dragon Age realen Figuren sehr nahe.

Das Spiel erzählt eine gute Fantasygeschichte, bei der ich (bzw. meine Spielfigur) im Mittelpunkt stehe. Die Entscheidungen, die ich treffe, beeinflussen das Schicksal von Charakteren, die mir ans Herz wachsen und die ich doch das ein ums andere Mal enttäuschen muss, sei es, weil ich mich auf die Seite einer anderen Figur stelle oder weil ich ein Volk vor dem Untergang retten muss. Es gibt kaum einen besseren Weg, um jemanden in eine Geschichte hineinzuziehen, als ihn mit schwierigen Entscheidungen zu konfrontieren (vgl. This War of Mine).

Nach einem enttäuschenden zweiten Teil, den ich nach ein- oder zweimal Spielen nie wieder angefasst habe, ist nun Dragon Age: Inquisition erschienen. Ich habe es noch nicht gespielt, aber ich freue mich schon darauf wie ein Hobbit auf das zweite Frühstück. In der Zwischenzeit habe ich mit Genuss diesen Artikel in der taz gefunden, der die Geschichte von DA:I in Kontrast zu dem 1976 erschienenen Roman „Die Verwandlung“ setzt; Kingsley Amis beschreibt darin eine alternative Realität, in der es keine Kirchenspaltung gab und der Papst sich potenzieller Kandidaten durch Kastration erledigt. In beiden Geschichten geht es um die Macht der Kirche, um Auserwähltsein und die Aufgabe von Freiheit zugunsten der Sicherheit. Gerade das letzte Thema ist aktueller denn je, siehe Folterreport, Todeslisten und dergleichen mehr.

Besonders interessant ist für mich jedoch nicht der Artikel selbst, sondern die Tatsache, dass darin ein Computerspiel mit einem Roman auf Augenhöhe verhandelt wird, noch dazu mit einem „Klassiker der Science-Fiction“. Vor ein paar Jahren, zu Zeiten der Killerspiel-Debatten, wäre so etwas völlig undenkbar gewesen. Heute ist es ein weiterer Schritt auf dem Weg, an dessen Ende Computerspiele als vollwertiges kulturelles Medium gelten werden, so wie Bücher, Filme, Opern, Theaterstücke usw.

Und bis es so weit ist, rette ich einfach noch ein paarmal die Welt.