Nach den Bomben von Boston

Gestern explodierten zwei Bomben nahe der Ziellinie des Boston Marathon. Über Täter und Hintergründe ist bislang nichts bekannt. Für mich ist es das erste Mal, dass ich mich tatsächlich in der Stadt oder auch nur dem Land aufhalte, in dem der Bombenanschlag aus den Nachrichten stattgefunden hat. (Das mit dem Land ist nicht ganz richtig, aber 1986 interessierte ich mich noch nicht für so etwas.)

Trotzdem muss ich sagen, dass mir dieser Anschlag nicht näher geht als andere Großereignisse. Dank CNN und Twitter war ich über 9/11 oder Fukushima anfangs genauso gut (bzw. schlecht) informiert wie jetzt über den Marathon. Ob ich zwanzig Fahradminuten oder einen halben Erdball weit weg bin, macht heute keinen Unterschied mehr. Mit der totalen Informiertheit geht die Entkopplung von räumlichen Entfernungen einher.

Ich war nicht einmal in der Nähe der Boylston Street. Alles, was ich über die Ereignisse weiß, weiß ich aus dem Netz und dem Fernseher. Die Bomben betrafen mich nur insoweit, dass meine Tagesplanung durcheinander geriet. Ursprünglich hatte ich nachmittags mit Freunden segeln wollen, und auch das Pub Quiz gestern Abend fiel aus (der Quizmaster steckte vermutlich im Bostoner Verkehrschaos fest). Aber selbst wenn ich die Rauchwolke gesehen oder die Explosionen gehört hätte (eine Freundin hielt sie für Donner), würde ich jetzt trotzdem die Reste vom sonntäglichen Angrillen zu Mittag essen und mich dafür schlecht fühlen, dass ich mich nicht schlechter fühle. So schreckliche Bilder. Fast vor deiner Haustür! Los, Tobi, sei betroffen!

Aber ich bin nicht betroffen, weder in dem einen noch dem anderen Sinn des Wortes. Dass ich es nicht bin, fühlt sich falsch an; wäre es nicht die „korrekte“ Reaktion? Immerhin beschäftige ich mich zwar mit dem Anschlag, z.B. in diesem Text. Aber ich schreibe nicht über den Anschlag an sich, sondern darüber, wie es mir so geht. „Nabelschau statt Nächstenliebe“ wäre eine überspitzte Formulierung, aber wäre sie völlig falsch?

So wie heute geht es mir nicht zum ersten Mal. Am 12. September 2001 machte ich eine Wildwasserbootsfahrt mit, die wir zwei Tage vorher organisiert hatten. Bei jeder Welle versuchte ich mir aufs Neue in Erinnerung zu rufen, dass im selben Moment, in dem ich den Nervenkitzel der Stromschnellen genoss, tausende Tote in den Trümmern des World Trade Centers liegen. Es war nicht so, dass ich keinen Spaß an der Tour hatte, ganz im Gegenteil: Weil ich soviel Spaß hatte, fühlte ich mich schuldig.

Zurück in die Gegenwart. Dies ist ein kleiner Ausschnitt dessen, was in den letzten 48 Stunden alles in der Welt passiert ist:

  • Die Bomben von Boston fordern drei Todesopfer, darunter ein achtjähriger Junge, und weit über hundert Verletzte.
  • Bei Bombenanschlägen in Bagdad werden mindestens 13 Menschen getötet und mehrere Dutzend verletzt. (Andere Quellen sprechen von 31 Toten.)
  • Ein Bericht des Kinderhilfswerks Unicef stellt fest, dass weltweit jedes vierte Kind unter fünf Jahren unterernährt ist.
  • Bei einem starken Erdbeben im iranisch-pakistanischen Grenzgebiet kommen mindestens 40 Menschen ums Leben.
  • Mindestens 34 Menschen sterben bei Bombenanschlägen in Mogadischu.
  • Die New York Times veröffentlicht den Bericht von Hasan Moqbel, der seit elf Jahren ohne Anklage und unter unmenschlichen Bedingungen in Guantanamo einsitzt.

Das Leid nach dem Anschlag auf den Boston Marathon ist schlimm, keine Frage. Auch das Leid der Betroffenen im Irak und Somalia ist schlimm, ebenso das von Erdbebenopfern, unterernährten Kindern und rechtswidrig Inhaftierten. Die Frage ist: Wer berichtet live aus den Straßen von Bagdad? Wo sind die Sondersendungen zu den hungrigen Kindern? Was sagt es über die Flüchtigkeit der Menschen aus, dass der wichtigste Trendbegriff bei Twitter heute #prayforboston ist, während er gestern #prayforkobe lautete?

Auch mir war bis dato unbekannt, dass sich Basketballstar Kobe Bryant am Freitag an der Achillesferse verletzt hat. Die Gebete scheinen aber geholfen zu haben – sein Fuß muss nicht amputiert werden.

Ist das zynisch? Mag sein. Trotzdem will ich mich nicht schlecht fühlen, nur weil ich über traurige Nachrichten von der anderen Seite des Charles River nicht betroffen genug bin. Gerechtfertigt wäre mein schlechtes Gewissen höchstens dafür, dass mich traurige Nachrichten oft kalt lassen, wenn sie von anderswo als aus der industrialisierten westlichen Welt kommen.

Eine Tragödie ist eine Tragödie, egal aus welchem Land man kommt und in welcher Stadt man gerade lebt. Tote Menschen in Boston sind nicht mehr und nicht weniger wichtig als tote Menschen in Bagdad. Wir sollten aufhören, sie unterschiedlich zu behandeln.