Warum ich kein Facebook-Konto habe

Update, 23.8.14: Seit gestern bin ich doch bei Facebook. Hier erkläre ich, warum.

Facebook ist in aller Munde. Jeder ist bei Facebook. Facebook ist kostenlos und wird es (laut Facebook) auch immer bleiben. Facebook „ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte zu teilen“ auch wenn mir nicht ganz klar ist, warum ich mit Menschen erst noch in Verbindung treten soll, wenn sie doch schon in meinem Leben sind.

Schön und gut. Ich habe trotzdem kein Facebook-Konto und ich habe auch nicht vor, mir in nächster Zeit eins zuzulegen.

Warum nicht? Weil ich die Vor- und Nachteile von Facebook gegeneinander abgewogen habe. In meinen Augen überwiegen die Nachteile, und darum bleibe ich Facebook bis auf Weiteres fern.

(Anmerkung: Das ist so nicht ganz richtig; unter jedem meiner Blogbeiträge gibt es Share-Buttons, mit denen man den Beitrag unter anderem bei Facebook verlinken kann. Ich habe jedoch streng darauf geachtet, dass nicht schon die Buttons alleine Informationen an Facebook & Co. senden, etwa durch Zählpixel. Damit stelle ich sicher, dass der Kontakt mit Facebooks Servern erst dann stattfindet, wenn der entsprechende Button angeklickt wurde.)

Hier die Pluspunkte:

  • Reichweite: Als jemand, der vom Schreiben leben will, bin ich auf einen gewissen Bekanntheitsgrad angewiesen; wer nie etwas von Schwarzspeicher gehört hat, wird das Buch auch nicht kaufen. Die Besucherzahl von tobias-radloff.de ist überschaubar. Über Facebook kann ich potenziell ein Millionenpublikum ansprechen.
  • Kritische Masse: Facebook ist mehr als nur der Platzhirsch unter den sozialen Netzwerken. Eine Milliarde Menschen haben mit der Tastatur abgestimmt, und Facebook hat gewonnen. Was gibt es für Alternativen? Wer-kennt-wen wurde gerade abgewickelt, StudiVZ ist ohne Bedeutung und Open-Source-Alternativen werden wohl nie die breite Masse erobern. Es gibt noch Google+, aber dessen Nutzerzahl ist nur deshalb konkurrenzfähig, weil alle Google-Konten automatisch mit dem hauseigenen sozialen Netzwerk verknüpft werden. Nein, wenn soziales Netzwerk, dann Facebook.
  • Soziale Kosten der Facebookverweigerung: Wenn all meine Freunde bei Facebook sind, nur ich nicht, kriege ich vieles nicht mit, was in meinem Freundeskreis passiert. Ich verpasse Neuigkeiten, Einladungen und Ankündigungen. Langfristig besteht die Gefahr, dass ich aus dem Kreis herausrutsche.
  • Alles in einer Hand: Facebook ist ein Ökosystem, das unzählige digitale Dienste auf allen wichtigen Plattformen umfasst. Fotoalbum, Instant-Messaging-Service, Adressverzeichnis usw., alles Cloud-basiert – Facebook macht zig andere Programme und Dienste überflüssig.

Okay, und die Nachteile?

  • Verlust an Privatsphäre: Facebook würde von mir einen immensen Schatz an Daten erhalten, der Rückschlüsse auf meine Vorlieben und Abneigungen, mein Kaufverhalten, mögliche Schwangerschaften u.v.m. zuließe. Gesichter auf Fotos werden automatisch erkannt, unveröffentlichte Posts aufgezeichnet. Selbst „gelöschte“ Daten verbleiben auf den Facebook-Servern.
  • Die Trennung meiner öffentlichen und privaten Identität ist mir wichtig. Auf Facebook wäre diese Trennung unmöglich, es sei denn, ich würde es ausschließlich privat nutzen (wodurch wiederum der Reichweite-Vorteil verloren ginge).
  • Facebook ist berüchtigt für seine datenfreizügigen Standardeinstellungen und dafür, das Ändern dieser Einstellung möglichst kompliziert zu gestalten. Aus Unternehmenssicht ergibt das Sinn; je mehr Daten ein Facebook-Nutzer von sich preisgibt, umso besser für die Firma. Für den Nutzer widerspricht das dem Gebot der Datensparsamkeit.
  • Datenschutzbedenken liegen einer noch laufenden Klage von Europe v. Facebook zugrunde. Der Sitz der Firma befindet sich in den USA, was bedeutet, dass NSA und Co. sich mit minimalem Aufwand legalen Zugriff auf sämtliche – auch nicht-öffentliche – Daten jedes beliebigen Nutzers verschaffen können.
  • Fragen der Kunst- und Meinungsfreiheit: Auf Facebook gelten eigene Richtlinien, welche Inhalte als akzeptabel gelten und welche nicht. Diese Regeln werden intransparent und nichtdemokratisch erstellt, zu Unrecht betroffene Nutzer sind auf die Gnade der Moderatoren angewiesen. In der  Vergangenheit wurden bereits Bilder von stillenden Müttern entfernt, während jugendgefährdende Inhalte nicht streng genug bekämpft werden.
  • Mein Tag hat nur 24 Stunden. Neben dieser Webseite pflege ich meinen Twitter-Account und andere Identitäten, online wie offline. Wollte ich auch noch einen Facebook-Account ernsthaft mit Inhalt füllen, käme ich irgendwann gar nicht mehr zum Bücherschreiben.
  • Alles in einer Hand: Facebook ist ein Ökosystem, das unzählige digitale Dienste auf allen wichtigen Plattformen umfasst. Fotoalbum, Instant-Messaging-Service, Adressverzeichnis usw.: Wenn ich einen einzigen netzbasierten Dienst nutze statt verschiedene z.T. lokale Programme, bin ich anfälliger für Netzwerkausfälle, Datenpannen, Sicherheitslecks und Passwortklau.

Wie schwer die Vor- und Nachteile von Facebook wiegen, muss jeder für sich selbst und immer wieder neu entscheiden. Für mich überwiegen die Nachteile. Es ist gut möglich, dass sich das eines Tages ändert, z.B. wenn die sozialen Kosten meines Nicht-auf-Facebook-Seins in untragbare Höhen schnellen. Wenn es so weit ist, verkünde ich es als erstes auf Facebook – versprochen!

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